Weltenfinsternis Portal
● Seit 2009 Deine Heimat in der Finsternis ●
Facebookseite der Weltenfinsternis Projekte abonnieren  Youtubeseite der Weltenfinsternis Projekte  Twitterseite der Weltenfinsternis Projekte
Burglogo Mini

v3.0


+++ Am 18.05.2019 feiert das WF Portal 7 Jahre Version 3.0. Wir laden alle Mitglieder an diesem Tag ein, mit uns im Chat zu feiern. +++ 26.04.2019: Die Mitgliederversammlung des Gothicverein Weltenfinsternis e.V. hat einen neuen Vorstand gewählt. Der neue Vorstand lädt am 11.05.2019 jede(n) dazu ein, an der öffentlichen Vorstandssitzung teilzunehmen. +++
Chataktivitäten
Folgende User sind im Chat:


Hauptmenü
News - Übersicht
Interaktiv
Neueste Forenbeiträge
Top 10 Artikel



WGT 2015 oder Die alljährliche Pilgerfahrt
Geschrieben von: Kolophobium   
 
 
WGT 2015 Headgrafik
 
 
Wenn Pfingsten kommt, verfärbt sich Leipzig schwarz. Die Einwohner sind längst daran gewöhnt, dass aus allen Himmelsrichtungen Goten auf Völkerwanderung – oder vielleicht eher: Wallfahrt – bei ihnen einfallen. Es überrascht fast, dass dennoch manche von ihnen noch immer gern das „bunte“ Treiben beobachten und photographisch festhalten.
Das WGT ist anders als andere (Szene)Festivals. Die Gothic-Szene zeigt sich hier in ihrer ganzen Bandbreite in Sachen Musik- und Stilrichtungen, Altersgruppen und sozialen Hintergründe. Es wird sogar multi-kulti-gotisch, da hier schon längst nicht mehr nur die deutschen Gothics gemeinsam feiern. Für manchen Jung- oder Neugoten mag es im ersten Moment befremdlich wirken, wenn er oder sie feststellt, dass manche WGT-Teilnehmer im Alter der eigenen Eltern oder sogar Großeltern sind. Umgekehrt fragt sich vielleicht manch ein Urgestein, ob diese jungen Hüpfer sich nicht nur verlaufen oder die Szene verwechselt haben. Doch nach dem ersten misstrauischen „Beschnüffeln“ wird meiner Erfahrung nach zusammen gefeiert und genossen, dass fünf Tage lang man sich einmal von Sonnenuntergang bis zum nächsten Sonnenuntergang vollkommen ausleben kann.

Ich möchte gleich zu Beginn anmerken, dass dieser Bericht subjektiv ist, keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt und nicht einmal versuchen wird, objektiv zu sein (weil ich daran sowieso scheitern würde). Ich hätte diesem Bericht gern auch das eine oder andere Bild angefügt. Doch wie jedes Jahr habe ich meinen Photo brav mitgenommen und dann ungefähr fünf Bilder gemacht (von aussagekräftigen Dingen wie dem Zeltaufbau), bevor ich weitere bildliche Dokumentationen im Rausch der Eindrücke völlig vergessen habe.

Während 2014 Leipzig fast aus allen Nähten platzte, weil neben dem WGT unbedingt noch zwei weitere Großveranstaltungen genau an Pfingsten dort abgehalten werden mussten, war es dieses Jahr gefühlt sogar eher „leer“. Ein Teil wird vielleicht wegen des Bahnstreiks einen Rückzieher gemacht haben. Doch womöglich war manch einer auch einfach vom Vorjahreserlebnis, was die Überfüllung betraf, abgeschreckt.

Und während man im letzten Jahr im Korsett aufgrund der Hitze ausreichend Willenskraft und einen gesunden und stabilen Kreislauf brauchte um nicht mit Riechsalz „wiedererweckt“ werden zu müssen, hatte man dieses Jahr alle Gelegenheit, sich endlich einmal wieder in den schwarzen Samtumhang zu werfen – und fühlte sich damit dann warm genug angezogen.

Was die „Grundlagen“ anging, war das WGT gewohnt sauber, friedlich und höflich: Toiletten und Duschen wurden regelmäßig und gründlich gereinigt, allgemein wurde auch von den Besuchern wenig Müll einfach wild entsorgt. Auf den Zeltplätzen herrschte die bekannte friedliche und hilfsbereite Nachbarschaft zwischen den Besucher. Es gibt meiner Erfahrung allgemein wenig völlige Entgleisungen (und wenn es doch einmal jemand allzu sehr übertreibt, dann findet sich scheinbar immer ein anderer Besucher oder Security-Mitarbeiter, der sich seiner oder ihrer annimmt). Erbrochenes auf Brokat wäscht sich ja eben auch furchtbar schlecht aus – und selbst auf gut abwaschbarem Lackleder oder PVC ruiniert es doch ein wenig den erhaben-düsteren Gesamteindruck.

Zum ersten Mal stellten wir im Rückblick fest, dass wir zwar „kaum“ zu Konzerten gegangen waren, dafür aber endlich einmal ausgiebiger das kulturelle Rahmenprogramm hatten genießen können. Woran dies lag, ist schwer zu sagen. Denn an sich waren doch sehr viele sehr große Namen in Leipzig vertreten in diesem Jahr – und einiges, das an sich durchaus interessant gewesen wäre. Doch vielleicht war es die Erkenntnis, dass zumeist ein Konzert auf dem WGT eben doch auch am Ende „nur“ ein Konzert ist, welches sich auch bei anderer Gelegenheit (oft noch im selben Jahr) "nachholen" lässt. Anderes gibt es so aber eben nur einmal im Jahr in Leipzig – und vielleicht schon im nächsten Jahr nicht mehr.

Also beginne ich mit den Konzerten (und zwar völlig unchronologisch):
 

Goethes Erben BandfotoEin absolutes Muss und nicht zu überbieten war natürlich das Konzert von Goethes Erben in der AGRA, zurecht bekannt und gefürchtet für ihre schmerzhaft-scheppernde Akustik und ihren völlig uninspirierten Fabrikhallen-“Charme“. Doch das folgende Ohrenklingeln war ein geringer Preis für meinen persönlichen musikalischen Höhepunkt dieses WGTs. Wer mit Herrn Henke und dessen Projekt(en) nichts anfangen kann, ihn aber noch nicht auf der Bühne erlebt hat, sollte sich das einmal antun: Es besteht die Chance, dass sich plötzlich das eher ungewöhnliche Werk dieses Herren ganz neu und weit faszinierender vor einem entfaltet. Und während der gute Mann aufgrund der wirklich abscheulichen Temperaturen auf der Parkbühne (die wir schmerzlich vermisst haben) vor einem Jahr für seine Verhältnisse geradezu „bewegungslos“ vor sich hin briet, war er in der höllischen Halle gewohnt entfesselt und sportlich zugange. Einen weiteren Pluspunkt bildete für mich natürlich die Anwesenheit der unglaublichen Sonja Kraushofer, die durch ihre Bühnenpräsenz sogar Henke selbst etwas entgegenzusetzen hatte. Diesen Auftritt nur als Konzert zu bezeichnen, wäre im Grunde wohl zu kurz gegriffen. Es handelte sich vielmehr um ein Gesamtkunstwerk.
 
 
 
Sea and Air Bandfoto
 
Sea+Air (ein recht seichtes Wortspiel) im Schauspiel saßen wir eher versehentlich, weil wir viel zu früh für Die Kammer vor Ort waren. Wenn man schon einmal da ist... Ich gebe zu, dass der junge Mann einen gewissen Unterhaltungswert in seinen Zwischenbemerkungen besaß, während seine Mitstreiterin eher farblos blieb. Aber was genau sie zu einer Band für das WGT qualifizierte, ist mir (und wenn man sich im Publikum umsah, nicht nur mir) schleierhaft geblieben. Doch das Schauspiel hat schließlich ausgesprochen bequeme Sitze und eine gute Klimatisierung, so dass sich das ganze durchaus ertragen ließ. Und es hatte ein gutes: Wir waren schon drin.
 
 
 
Die Kammer LogoDenn als Die Kammer darauf spielen sollte, hatte sich draußen offenbar eine schier endlose Menschenschlange gebildet, und sehr viele Wartende mussten schließlich sogar unverrichteter Dinge wieder ziehen. Versehentlich hatten wir also alles richtig gemacht. Für uns war es ein „Erstkontakt“ mit der Band, was die Bühne betrifft. Man kannte natürlich den Namen und die Köpfe dahinter, man hatte vielleicht auch schon zufällig das eine oder andere Lied gehört – doch wir betraten hier Terra Incognita, wofür sich das WGT ja auch immer gut eignet. Es war ein gutes Konzert, das Publikum war begeistert. Doch zumindest für mich war es nicht die spontane große Liebe, die mich zu anderen WGTs bei anderen Bands getroffen hat, weswegen am letzten Tag das letzte Geld an den CD-Ständen für Silberlinge ausgegeben wurde. Aber man kann diese Band ja trotzdem im Auge behalten.
 

MILAMAR.DEMila Mar ist das letzte Konzert, auf das ich kurz eingehen möchte (auch wenn man nebenher auf der Moritzbastei und im Heidnischen Dorf natürlich noch andere Musiker gehört hat). Man mag mich nun blasphemisch nennen (und unser Zeltnachbar würde das vielleicht tun, wenn er das folgende läse), doch ich war eher ent- als beeindruckt. Der Funke sprang bei der direkten „Konfrontation“ leider ebenso wenig über wie zuvor bei Konserven-Begegnungen. Doch das ging ausdrücklich nur mir so – und die späten Konzerte im Heidnischen Dorf haben zumindest atmosphärisch immer etwas besonderes zu bieten.
 
 

Damit wäre der musikalische Teil fast abgeschlossen. Es fehlen nur noch ein paar Bemerkungen zu den Parties (für mich diesmal in der Hauptsache in der AGRA): Auch wenn ich im Alltag nicht besonders viel „Electro“ (EBM, Hellectro, etc.) höre, schätze ich es doch als nahezu ideale Grundlage um einfach die ganze Nacht durchzutanzen. In den letzten Jahren waren wir daher auch von den AGRA-Parties (in AGRA 4.2) selten enttäuscht. Vielleicht lag es an den diesjährigen DJs. Vielleicht hatten wir einfach Pech. Doch es wurde unangenehm häufig der (zugegeben manchmal sehr schmale) Grat zwischen Electro, wie er in der Szene existiert, und „herkömmlichem“ Techno/Trance überschritten. Das stieß nicht nur uns negativ auf, sondern leerte die Tanzfläche regelmäßig um mindestens die Hälfte der Tänzer, was leider den jeweiligen DJs entging oder sie schlicht nicht weiter störte. Sehr bedauerlich. Wir hoffen jedenfalls für das nächste Jahr wieder auf mehr Härte, Textanteile und Düsternis im Bereich der Electro-Parties. Und weniger durch den Kunst-Nebel brechende Trance-Delphine.

Ich fahre nun mit dem Kulturprogramm fort, das in seiner Bandbreite meines Wissens nach das WGT ziemlich einzigartig macht. Viele Festivals im Gothic-Bereich haben mittlerweile Lesungen oder Kunstausstellungen zu bieten. Doch da die wenigsten so sehr in eine Stadt eingeflochten werden wie in Leipzig, kann die Vielseitigkeit wohl kaum erreicht werden, was Örtlichkeiten und Veranstaltungsarten jenseits von Konzerten anbelangt.

Zum ersten Mal haben wir es nicht zum Viktorianischen Picknick geschafft, was ich doch sehr bedauerte – dafür hatten wir zum ersten Mal Kontakt zu den sehr freundlichen und hilfsbereiten Damen und Herren der Security und des notärztlichen Dienstes. Und zum zigsten Mal habe ich es nicht zum Vampire-LARP geschafft.

Dafür bot dieses Jahr das Buch- und Schrift-Museum eine kleine, aber feine Ausstellung zu Kafka. Wahrscheinlich hatten sich so manche dabei etwas größeres vorgestellt als den kleinen Raum voller Druckwerk-Beispiele, als der diese sich entpuppte. Wenn man allerdings nicht „nur“ an Kafka interessiert ist (dazu ein Reisehinweis: das Prager Kafka-Museum), sondern auch eine gewisse bibliophile Ader hat, konnte dort voll auf seine Kosten kommen. Die wirklich künstlerischen Ausgaben waren natürlich unter Glas vor herabtropfendem Buchmenschen-Speichel geschützt. Und die Informationsflut, die man in den kleinen Raum gepresst hatte, war nahezu überwältigend.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch die Ausstellung von photographischen, bildnerischen und malerischen Werken der gotischen Art in der Leipziger Kunst Galerie. Eines der meist-photographierten Objekte des diesjährigen WGT war vermutlich der kleine, widderartige Knochenwächter gleich am Eingang. Darüber hinaus wurde allerlei geboten von skurril bis melancholisch-schön, von Kunst bis „Gothic-Kitsch“. Bei mir haben die Skulpturen und die Photographien den tiefsten Eindruck hinterlassen.

Die thematisch wechselnden Führungen über den Südfriedhof sind ein fester Bestandteil des WGT und erfreuen sich jedes Jahr so großer Beliebtheit, dass man wirklich überpünktlich sein sollte um teilnehmen zu können. Die diesjährige Führung unter dem Titel „Als der Tod noch zum Leben gehörte“ hätte nur durch eine einzige Tatsache noch wirkungsvoller sein können: Dunkelheit. Leider hatte man sich nicht entschließen können, extra dafür den Friedhof länger zu öffnen. Es wurde ein interessanter Überblick über verschiedene Todesboten, Begräbnisrituale und Mythen über die drohenden Folgen „danach“ gegeben – aus der Zeit, als der Tod eben noch nicht klinisch aus dem Leben herausgeschnitten worden war. Wer Tauben schon immer nicht mochte, kennt nun weitere Gründe, wer sich fragte, was sich nachts alles aus den Gräbern erhebt, bekam die Antwort. Und wer danach nun Sorge hatte, dass einem nun ein Aufhocker vom Südfriedhof bis nach Hause folgen könnte, wurde mit Salz ausgestattet, um es sich beim Verlassen des Friedhofs über die Schulter zu werfen. Nur zur Sicherheit.

Einen ganz besonderen Höhepunkt hatte dieses Jahr das Wanderkino im Clara-Zetkin-Park zu bieten: die Nibelungen-Sage in Form der legendären Stummfilmfassung des Fritz Lang. Zwei Abende hintereinander, unter freiem Himmel und mit musikalischer Untermalung durch Klavier und Geige – und das live. Es hatte sich zwar eher eine beschauliche Menschenmasse auf der „Warze“ versammelt, doch das lag womöglich daran, dass das Wetter recht kühl war und die Veranstaltungen mit einigen hochkarätigen Konzerten konkurrieren musste. Stummfilme haben einen ganz eignen Zauber und eine eigene Sprache, die vielleicht heute nicht mehr jeden erreichen kann. Durch die musikalische Untermalung vor Ort konnte man sich einen Moment in die Stummfilm-Ära zurückversetzt fühlen und das sicher vielen bekannte Film-Epos noch einmal ganz neu erfahren. (Schmerzlich war hier nur der Weg vorbei an der verlassenen Parkbühne, die still und traurig in der Dunkelheit lag und sich sicherlich schrecklich einsam fühlte.)

Der letzte Programmpunkt (versprochen!), der hier gesondert erwähnt werden soll, ist für uns mittlerweile ein liebgewonnenes Ritual, das ebenso zum WGT gehört wie der Zeltaufbau, das Laufsteg-Gucken und der abschließende „Einkaufbummel“ um ja kein Geld mehr nach Hause tragen zu müssen. Es handelt sich um das Absinth-Frühstück in der „Petite Absintherie“ in der Münzgasse. Egal ob man eingeschworener Liebhaber der Grünen Fee ist und einmal etwas neues versuchen möchte oder völlig ahnungsloser Novize, die Dame, die dieses bezaubernde kleine Etablissement führt, hat die besondere Gabe, einem den richtigen Absinth zu empfehlen, anhand von wenigen Fragen nach allgemeinen geschmacklichen Vorlieben. Wenn gerade einmal nicht die Hölle los ist (also außerhalb des WGT), nimmt sie sich auch gern Zeit für eine längere Einführung in die verschiedenen Trink-Rituale und einzelnen Absinth-Sorten auf der Karte. Während des Ansturms beim WGT muss man verzeihen, wenn es nur bei einer basaleren, aber trotzdem nicht weniger treffenden Beratung bleibt. Vor allem, wenn einem in der vorangegangenen Nacht das Zelt im Regen vollgelaufen oder man einfach komplett durchgefroren ist, wirkt das Absinth-Frühstück wahre Wunder – doch auch ohne Regenduschen im Zelt oder abgefrorene Zehen macht es einfach immer wieder Spaß.

Das soll es dann nun auch gewesen sein. Wer noch nie da war, ist nun vielleicht ein wenig überzeugter, dass das WGT zum einen mehr und anderes bietet als andere Szene-Festivals und zum anderen einen Besuch definitiv wert ist. Wer 2015 auch vor Ort war, hat vermutlich ganz andere Eindrücke mit nach Hause genommen – aber vielleicht hat ihn das Eine oder Andere im „Kultur-Bereich“ ja inspiriert, im nächsten Jahr dem persönlichen WGT-Programm einen Punkt hinzuzufügen.
 
Hier noch ein Video zum 24. WGT, welches ein paar Impressionen vermittelt.
 
 
 
Wenn euch das Review gefallen hat, dann hinterlasst doch ein Kommentar.
 
eure Kolophobium
 
 
Bildnachweise:
 
WGT Grafik - JK Web
Goethes Erben - SonidObscuro.com
Die Kammer - www.die-kammer.com